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10.Februar.2012 │ Lernen - Helfen - Leben e.V.

5. Kongobrief - von Verwendungsnachweisen und einem Nachkriegskongress!

Ab heute sitze ich vor allem im Büro unserer Partnerorganisation und schaue mir die Finanzakten von Projekten an, die wir gefördert haben. Zwischendurch kommen immer wieder Besucher, die von meiner Anwesenheit gehört haben und mich grüßen oder ihre Angelegenheiten mit mir besprechen wollen. So erfahre ich auch manches.


Montag,  6. Februar 2012

Bosco z.B. weiß, dass jetzt die Holzkohle für Bukavu aus der Gegend von Shabunda kommt, noch ganz tief im Regenwald, vielleicht 150 km südwestlich von hier. Dafür werde dieser aber mehr und mehr abgeholzt und in Meilern verkohlt. Und ganz offenbar kocht ein großer Teil der hiesigen städtischen Bevölkerung mit Holzkohle, die praktisch an jeder Straßenecke zum Verkauf feilgeboten wird. Da die Menschen hier noch nicht wissen, wie ein Wald richtig bewirtschaftet wird, um als solcher erhalten zu bleiben, trotz Holznutzung, ist zu vermuten, dass ein Waldstück nach dem anderen verschwindet und die dortigen Berge später genauso kahl aussehen wie hier im östlichen Teil der Provinz – und wie an vielen anderen Stellen überall in Afrika.

Das sind Fragen, die uns bewegen und um vielleicht hierzu neue Erkenntnisse zu gewinnen, nehmen Henriette und Antonios ab heute an dem ersten internationalen Kongress teil; der nach dem Krieg überhaupt in Bukavu organisiert wurde. Thema: „Die kommunale Verwaltung der natürlichen Ressourcen in Nachkriegssituationen“ (weitere Infos in Englisch oder Französisch auf www.kongo.l-h-l.org)

Ich selbst habe mich entschlossen in diesen Tagen in aller Ruhe die Original-Verwendungsnachweise unserer hiesigen Partnerorganisationen anzuschauen. Das ist viel weniger spektakulär, muss aber auch mal sein. Oft ergeben sich daraus Einsichten über gute oder weniger gute Projektentwicklungen; die dann besprochen werden müssen. Dafür sind dann die Nachmittage da. 

Abwechslung ist jetzt in unserem Quartier eingekehrt, einem kirchlichen Gästehaus. Hier sind jetzt für ein paar Tage ganz viele junge Leute aus zahlreichen afrikanischen Ländern angekommen für eine Fortbildung. Bei Tisch sitzen wir zusammen und da ergeben sich oft die interessantesten Gespräche. Sie kommen aus den verschiedensten Ländern, z.B. Togo, Ghana, Nigeria, Burkina Faso, Elfenbeinkueste, Tansania, Sambia, Malawi, Uganda und natürlich Kongo. Da ist auch jemand aus Mexiko dabei, aber kein Europäer. Wir erzählen viel und vor allem wird gelacht und von mir will man immer wieder wissen, weshalb ich im Kivu bin und wie das Leben in Deutschland aussieht. „Tiefgefroren“ ist da momentan meine Antwort und ich muss naher erläutern, was „Winter“ in Europa bedeutet. Sowas kann man sich hier nicht vorstellen.

Dienstag, 7. Februar 2012

Auch der heutige Tag ist für mich ganz unspektakulär. Die Buchhalterin schleppt ganze Aktenberge herbei und ich schaue mir ihre Arbeit an. Auf dem Weg zum Büro muss ich immer aufpassen, nicht mal in einen Gulli zu fallen. Die einstigen belgischen Kolonialherren haben zwar das Zentrum von Bukavu mit Kanalisation versorgt, seitdem ist aber fast überall der Gullideckel abhanden gekommen. So gibt’s am Straßenrand alle paar Schritte metertiefe Löcher und heute sehe ich sogar Arbeiter der Redigiso, der Wasserversorgung, am Werk, die mit einer Art Gasmaske hineinklettern und allen möglichen Unrat herausholen. Das System war wohl verstopft, was sich bei starkem Regen dann unangenehm bemerkbar macht, weil dann alles raus quillt und die Straßen überschwemmt. Kanaldeckel bringen sie natürlich nicht mit. Besonders bei Dunkelheit muss man hier sehr aufpassen.

Ansonsten wird uns immer klarer, dass wir an den vielen Aufforstungsflächen vor allem die Baumschulen in Zukunft erhalten sollten. Wir haben im Laufe der Jahre Hunderte von Baumschulgärtnern ausgebildet und wenn alle diese Leute in Zukunft alle wieder anderswo arbeiten müssen oder arbeitslos werden, dann geht viel „Know How“ verloren und in den jungen Wäldern kann nicht mehr so gut nachgepflanzt werden. Wir müssten also ein „Forstmanagement“ einführen, ansonsten besteht die Gefahr, dass unsere jetzigen Erfolge aufgrund des Brennholzbedarfs wieder zunichte gemacht werden. Glücklicherweise haben wir parallel zu diesem Programm der Aufforstung auch den holzsparenden Ofen „Rocket Stove Lorena“ (vgl. www.kongo.l-h-l.org) eingeführt, der sich jetzt bei den Frauen, die ihn benutzen, großer Beliebtheit erfreut, auch deswegen, weil er nicht rußt, aber auch wegen der Ersparnis von 50 – 60% Holz. Wir überlegen heute Nachmittag, wie wir schaffen können, dass sich die bisher angestellten Ofenbauer selbständig machen können. Normalerweise müsste der Ofenbau ein kleines Einkommen erwirtschaften können. Bisher haben wir viele Öfen an Bauern verschenkt, die freiwillig und unentgeltlich bei der Pflanzung der Bäume geholfen haben.

Am Abend erzählt Henriette von der Konferenz. Man habe morgens eine Exkursion gemacht – wieder nach Nyangezi und zwar in Begleitung des Provinzgouverneurs. Dieser sei mit reichlich Polizeischutz und tatütata vorausgefahren und alle anderen im Bus hinterher. Man habe dort eine Aufforstung besichtigt und der Gouverneur habe sich dann vor den Bäumchen von Presse, Funk und Fernsehen ablichten lassen bzw. Interviews gegeben. Ob er sich für die Aufforstung wirklich interessiert habe, sei für sie nicht ersichtlich gewesen, doch anschließend seien alle von einer nahen kirchlichen Schule empfangen worden zu einem Imbiss und der Gouverneur habe vor versammelter Presse stolz erzählt; hier sei er selbst zur Schule gegangen. Danach habe er sich für den Rest der Zeit mit seinem iPod beschäftigt, vielleicht muss man auch sagen, er hat sich dann seinen Regierungsgeschäften per iPod gewidmet.

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