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16.Februar.2012 │ Lernen -Helfen -Leben e.V.

7. Kongobrief - Benzin, Straßen-Maut und eine Reise zu den Gorillas

Wir wollen heute nach Burhinyi fahren, eine Gemeinde, oder soll ich besser sagen ein kleines Königreich, rund 100 km südwestlich von Bukavu. Vor 10 Uhr, sagt Chris, kann er heute unmöglich losfahren. Er habe noch viel vorzubereiten und zu erledigen.


Freitag, 10. Februar 2012

Um ½ 9 Uhr ruft Mao an, der Vorsitzende einer Nichtregierungsorganisation in Burhinyi. Er ist in Bukavu und fragt, ob wir ihn mitnehmen könnten. Natürlich können wir.  Kurz nach 10 Uhr kommt endlich Chris und wir können losfahren. Erstmal zum Tanken, jetzt sind 105 Dollar fällig, damit wir mit vollem Tank losfahren können. Benzin kostet um die 1,50 Dollar der Liter. 

Die Firma, die den Südkivu mit Benzin versorgt heißt Gingka und besitzt zahlreiche Tankwagen, welche ständig zwischen Südkivu und Mombasa oder Daressalam am Indischen Ozean pendeln – durch Tansania und Ruanda bzw. Kenia, Uganda und Ruanda, um die hiesigen Autos mit Kraftstoff zu versorgen. Vor zwei Jahren ist mal solch ein Tanklastwagen auf der Straße von Uvira nach Kamanyola verunglückt. Zunächst war nicht viel passiert, aber Benzin lief aus. Die Bewohner der Umgebung sahen die Stunde ihres Lebens gekommen, endlich mal reichlich Benzin gratis abzapfen zu können und kamen mit Kanistern und Eimern – sie hätten das später am Straßenrand an die Autofahrer profitabel verkaufen können. Stattdessen hatte jemand bei Einbruch der Dunkelheit die im wahrsten Sinne des Wortes zündende Idee, kam mit einer Petroleumlampe und alles flog mit einer riesigen Feuersäule in die Luft. So hatte dann für die meisten rundrum die letzte Stunde des Lebens geschlagen und alles ging in Flammen auf. Man fand ungefähr 100 total verkohlte Leichen. Heute erinnert die Ruine des Tankwagens an das Unglück und ein Mahnmal, ein paar hundert Meter weiter. Natürlich ist an jeder Tankstelle die Warnung zu sehen, dass Rauchen und offenes Feuer verboten ist, aber in einer „runden“, landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft mit sehr vielen Analphabeten sind die Segnungen der „viereckigen“ Industriegesellschaft des Nordens genau genommen noch ein Buch mit sieben Siegeln. Das wird zwar gerne benutzt, aber nicht wirklich verstanden. Das ist bei unzähligen Dingen des Alltags zu sehen und das wird von den Chinesen z.B. nach Strich und Faden ausgenutzt. Die Chinesen sind mit ihren „viereckigen“ Billigprodukten überall bis ins letzte Dorf präsent – einschließlich Verpackungsmüll und manchmal auch Giftmüll. In den Industriegesellschaften haben wir dafür einigermaßen mühsam inzwischen ein Recyclingsystem aufgebaut. Für Afrika fehlt dies fast überall. Im günstigsten Fall wird alles verbrannt und permanent qualmen solche Müllhalden. Und gelegentlich hört man etwa aus Westafrika, betrügerische Müllhändler aus Europa hätten sogar Sondermüll irgendwo im afrikanischen Busch abgeladen, anstatt diesen fachgerecht zu entsorgen. Dazwischen spielen dann die Kinder oder scharren die Hühner. Hier im Kongo sehen wir ähnliche Situationen inzwischen immer häufiger. Für „Entwicklungshilfe“ sind solche Fragen bisher leider oft noch nicht zum Thema geworden. 

So sitzen wir also inzwischen im Jeep und müssen jetzt runter zum Hafen, den Kreisverkehr beim Place d'Indépendance nehmen und dann geht’s wieder bergauf – und zwar erst mal eine Weile über eine frisch geteerte Straße. Ich wusste, dass man diese Straße ausbauen wollte, staune jetzt aber doch, dass daraus gut 2 km geworden sind. In kleinen Schritten geht’s also doch voran mit den „5 Chantiers“ (Baustellen) des Präsidenten. Danach beginnt wieder der Staub, aber immerhin ist die Straße in einem guten Zustand, so dass Chris zügig um die 50 oder 60 km/h fahren kann. Für hiesige Verhältnisse ist das schon „Schnellverkehr“. Wir fahren immer höher und gelangen etwa bei 2.000 Meter über NN auf die Hochebene. Nebenan sehr viel Eukalyptus und die Bauern, die hier ihre Felder bestellen, klagen, dass dieser ihnen das Wasser weg saugt und deswegen der Boden immer trockener und unfruchtbarer wird. Hier in Kamisimbi sind die Ernten deswegen erheblich zurückgegangen. Aber nächste Woche werden wir die Gegend nochmal separat besuchen. 

Heute geht’s zügig durch Walungu, wie die Landschaft heißt und finden dann, als die Eukalyptuswälder mal vorbei sind, recht fruchtbare Auen mit Dörfern, die einen bescheidenen Wohlstand vorzuzeigen haben. Die Straßen sind in einem verhältnismäßig guten Zustand, dafür müssen wir aber auch an einer Sperre 5 Dollar Maut bezahlen, mit denen die Arbeiter bezahlt werden, die sie immer wieder ausbessern.

Auch hier überall an der Straße kleine Händler, welche die Früchte ihrer Felder oder andere Produkte feilbieten, denn dies ist eine Hauptstrasse in den Westen der Provinz. Dann kommen wir, mitten in einem der zentraleren Orte, an einem größeren Stützpunkt der UNO-Blauhelme vorbei mit pakistanischen Soldaten. Natürlich fehlt auch die Moschee nicht und etwas später wird unsere Fahrt abgebremst durch einen Konvoi dieser Blauhelme mit vielleicht 10 oder 15 Lastwagen. Mühsam versucht Chris einen nach dem anderen zu überholen. Ganz vorn der Tanklastwagen - dann haben wir's geschafft. 

Allmählich wandelt sich die Landschaft. Wir kommen an ehemaligen Teeplantagen vorbei und sind uns nicht sicher, ob diese wirklich noch bearbeitet werden. Dann werden die umliegenden Berge kahler, wir sehen Erosion, verursacht u.a. durch Trampelpfade zahlreicher Kühe, die an den Hängen weiden. Mao aus Burhinyi, dem wir die Mitfahrgelegenheit geboten hatten, weiß eine Abkürzung, die über Feldwege führt, mit allertiefsten Schlaglöchern. Zu Fuß wären wir fast schneller. Trotzdem, sagen alle, lohnt sich die Abkürzung. Nach 10 Minuten sind wir wieder auf der Hauptstraße und können zügig weiterfahren. Jetzt sind wir auf der „Banro-Straße“. Banro ist die kanadische Goldfirma, welche in dieser Gegend lukrative Funde und ihren Aktionären dadurch viel Freude gemacht hat. Ich berichtete schon im vorigen Jahr darüber. 

Endlich überqueren wir einen Fluss, ganz unten im Tal - und schon sind wir in Burhinyi. Die Menschen wohnen aber nicht im Tal, sondern weit oben und wir müssen noch einige Serpentinen hoch, bis wir in Mulambi und damit am heutigen Ziel sind. Unser Gastgeber ist hier Pater Bavon von den Franziskanern, den ich schon seit vielen Jahren kenne. Diesmal ist er enttäuscht, dass ich ihm immer noch kein großes Solarpanel mitgebracht habe. Er würde gerne sein Zentrum komplett auf Solarlicht umstellen, aber dazu fehlt ihm noch ein größeres Panel mit Solarzellen. Ich frage ihn, wie ich das denn im Flugzeug hätte transportieren sollen? Er ist nicht zu trösten. Doch dann lädt er uns auf eine Bank im Garten unter einen blühenden Baum ein und lässt zur Begrüßung Primusbier kommen. Später fragt er uns, ob wir ihm mal Chris, unseren Fahrer, samt Auto ausleihen könnten. Er müsse dringend ein paar Kilometer weit fahren auf ein Grundstück seiner Gemeinde, das durch Soldaten beschlagnahmt worden sei. Später erfahren wir, dass die Blauhelme, die wir überholt hatten, hier in Burhinyi ihr Quartier aufschlagen und dafür so mal gerade dieses für sie geeignete Grundstück der katholischen Kirche requiriert hatten, natürlich ohne Entschädigung und Pater Bavon muss mit ihnen verhandeln, damit klar ist, dass er das Grundstück später wenigstens zurückbekommtDie UNO-Blauhelme sind seit vielen Jahren im Kongo und wurden zum teuersten Einsatz in der Geschichte der Vereinten Nationen. Ob ihr Einsatz sinnvoll oder hilfreich ist, wird zumindest von der örtlichen Bevölkerung immer wieder bezweifelt. Wir fragen uns die ganze Zeit, was sie denn ausgerechnet in Burhinyi mit seiner friedlichen Bevölkerung wollen? Die Antwort sehe ich dann später, als ich mit einigen Frauen Burhinyis unterwegs bin, auf einem gegenüberliegenden Hügel. 

Zunächst waren am Straßenrand auf einmal ganz frisch sämtliche Bäume abgehackt. Dann sah ich auf dem genannten Hügel viele neu errichtete Hütten mit Strohdächern.  Hier lebten seit kurzem, so erzählten die Frauen, kinyaruandasprachige Soldaten, die dem einstigen Tutsi-Rebellenregiment Nkundas angehörten, der eigentlich in Nordkivu agierte und dort den Krieg auf grausamste Weise noch verlängerte. Dann gabs eine Verständigung zwischen Kabila, dem Präsidenten des Kongos und Kagame, dem Präsidenten Ruandas. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde Nkunda durch ruandische Soldaten verhaftet und sitzt seither fest. Sein Stellvertreter kollaborierte mit Kabila und Kagame und erreichte, dass seine Truppe in die kongolesische Armee aufgenommen wurde. Dafür verzichtete Kabila darauf, diesen Kriegsverbrecher an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auszuliefern, der ihn zur Verhaftung ausgeschrieben hatte. Also, 700 Soldaten dieser ehrenwerten Gesellschaft säßen jetzt in Burhinyi,  haben die Frauen schon gehört und insgesamt sollten bis zu 1.500 hierher verlegt werden. Natürlich ist jetzt leicht zu schlussfolgern, dass andererseits die UNO-Blauhelme in Burhinyi Aufpasser sein wollen. Doch wir sind gleich alarmiert, weil unterhalb des Tutsi-Camps einige unserer Aufforstungsflächen sind – und diese Soldaten kochen natürlich auch, wie alle anderen hier, mit Holz. Angeblich sei ihnen erlaubt, Holz aus Wäldern zu holen, die dem Staat gehören. Davon ist hier in der Nähe allerdings nicht viel zu sehen. Das bisher friedliche Burhinyi geht einigen unruhigen Zeiten entgegen.

Samstag, 11. Februar 2012

Um 6 Uhr läuten die Glocken der Kirche nebenan und etwas später hören wir den Gesang. Dann sitzen auch Henriette, Antonios und ich in der hübschen katholischen Kirche von Burhinyi und folgen dem kongolesischen Ritus der Messe. Hin und wieder lässt sich zu den rhythmischen Melodien auch in die Hände klatschen. In Burhinyi, wie in den meisten anderen evangelischen oder katholischen Gemeinden ist jeden Morgen ein Gottesdienst bzw. eine Messe. Heute sind nur Leute aus dem umliegenden Mulambi gekommen, aber am morgigen Sonntag wird die Kirche wieder voll sein. Die Afrikaner sind sehr religiös und die christliche Mission prägt den Alltag. Egal, wo wir sind, im Restaurant, im Privathaushalt oder – natürlich – im Pfarrhaushalt, zu den Mahlzeiten wird vorher und nachher von den Kongolesen ganz selbstverständlich das Tischgebet gesprochen. 

Während der Zeit der Diktatur und des Staatszerfalls waren die Kirchen die einzigen wirklich funktionierenden Einrichtungen, die dem Volk Überlebenshilfen gaben. Und auch jetzt, nach den verpfuschten Präsidentenwahlen Ende November 2011, bei denen Kabila angeblich nochmal eine Mehrheit bekam, bezeugen u.a. die über 30.000 Wahlbeobachter, welche die katholische Kirche überall im Land aufgestellt hatte, dass sie nicht wirklich überall fair gewesen sei und man munkelt, oft seien zugunsten Kabilas fertig angekreuzte Wahlzettel in die Urnen geschmuggelt worden, die aus Südafrika gekommen seien. Obwohl Kabila Kisuaheli spricht und bei den ersten Wahlen vor 5 Jahren klar die Mehrheit bekam ist er inzwischen im Osten recht unbeliebt. Mit einigen Ausnahmen bekam der lokale Kandidat Kamerhe die absolute Mehrheit in der Provinz – auf nationaler Ebene reichte das aber nur für 7 %. 

Shekur, der Vertreter unserer Partnerorganisation, Antonios und ich gehen heute Morgen zum Büro seiner Organisation. Dort warten schon vielleicht 30 Frauen. Die meisten von ihnen haben Ende August vorigen Jahres an dem Gemüseseminar teilgenommen, das von der Bingo-Stiftung in Hannover gefördert wurde. Wir sprechen über die Ergebnisse und wie sie das Gelernte jetzt anwenden. Später schauen wir uns einige der Gemüsegärten an und sehen überall eine recht große Vielfalt: Kohl, Möhren, Soja, Süßkartoffeln, Mais, Amarant, Zwiebeln, sogar vereinzelt Blumenkohl wird jetzt angebaut. Die Frauen bearbeiten nicht nur ihren privaten Garten, sondern auch ein größeres Gemeinschaftsfeld. Wir sprechen über die Hoffnung, dass die zu gründende Genossenschaft ihnen bei der Vermarktung helfen kann. Und wir sprechen über Kompost, wozu auch Fäkalien von den Haustieren gehört. Manche der Frauen tun sich schwer damit Kompost zu produzieren, traditionell werden die Gartenabfälle verbrannt. Aber in den Gärten sehen wir, der Anfang zur Kompostierung ist gemacht.

Derweil hat sich Henriette mit den anderen die Aufforstung angeschaut und am Nachmittag fahren alle, außer mir, zu einer weiter entfernten Fläche.  Und ausgerechnet jetzt kommt doch tatsächlich der Mwami, der König, samt einer Gruppe von Chefs vorbei und will uns begrüßen. Ich bin schon froh, dass ich geblieben bin. Wir sprechen über unsere Pläne: Sonntagnachmittag soll's eine Volksversammlung geben, bei der über die Gründung der Genossenschaft und über gutes Forstmanagement gesprochen werden soll. Außerdem nochmal über die Gemüsegärten. Für den Mwami ist wichtig, dass zu dieser Versammlung aus allen 18 Quartieren seines kleinen Königreichs (von der Größe eines Landkreises in Deutschland) Delegierte anwesend sind und bei der Genossenschaft mitwirken. Als Geschenk übergebe ich dem Mwami ein historisches Buch über Politik im Kongo, das er interessiert durchblättert. Ich weiß, dass er mal Philosophie studiert hat und einige deutsche Philosophen schätzt. Mit den Präsidentenwahlen ist er von seiner Bevölkerung, als unabhängiger Kandidat, in das nationale Parlament gewählt worden und wird künftig einen Teil seiner Zeit in Kinshasa zubringen müssen. 

Kaum ist das Auto des Mwamis abgefahren, sehen wir einige Soldaten zielstrebig auf den Hof des Pfarrheims kommen. Dann stellt sich uns der Kommandeur der Tutsigruppen auf dem nahen Hügel vor und sagt, er wolle unbedingt mit mir sprechen. Das ist nicht einfach, denn Antonios, unser Übersetzer ist ja noch mit Henriette unterwegs. Aber kurz später kommen sie zurück und das Gespräch kann beginnen. Der Major hat am Vormittag die Ziegelpresse gesehen und ist ganz aus dem Häuschen. Er komme aus Masisi im Nordkivu – und sowas würden die Leute dort auch brauchen. Ob ich ihm auch zu einer solchen Ziegelpresse verhelfen könne? Er sei nicht nur Soldat, sondern wolle auch zur Entwicklung seines Landes mitwirken

In Masisi siedeln schon seit Jahrzehnten zahlreiche Tutsis, die irgendwann mal aus Ruanda geflüchtet sind. Allerdings gehört dieser Major offenbar nicht dieser Minderheit an. Unsere Kongolesen vermuten eher, aufgrund seines Namens, dass er aus einer Hutufamilie stammt. Die Zusammenarbeit zwischen Hutus und Tutsis im Kongo sei gar nicht ungewöhnlich, auch wenn das nicht in die Politik von Präsident Kagame in Ruanda passt. 

Im Gespräch mit ihm stellen wir einige Überlegungen an, wie er zu einer Ziegelpresse kommen könnte. Offenbar sind die Bauern in Masisis reicher als hier in Burhinyi und deswegen lässt sich eine Bezahlung in bar realisieren. Man müsse dazu nur einfach ein paar Kühe verkaufen. Und die Ausbildung der Arbeiter müsse hier in Burhinyi geschehen und diese wolle man mit einigen Säcken Sojabohnen bezahlen, die hier einen großen Wert hätten. Und wenn der Major von der hiesigen Ziegelpresse spricht, dann leuchten seine Augen. Sowas habe er noch nicht gesehen. Aber alles, was aus Deutschland komme sei gut. Sein Vater habe 1975 ein Auto der Firma aus Stuttgart mit dem „guten Stern auf allen Straßen“ (meine Benennung, um hier keine Schleichwerbung zu machen) gekauft, das immer noch fahre. Da komme keine andere Marke mit, schon mal gar nicht die asiatischen.

Doch dann nehme auch ich die Gelegenheit beim Schopfe. Wenn er denn der oberste Kommandeur der Soldaten da drüben auf dem Hügel sei, ob er denn nicht darauf einwirken könne, dass diese etwas behutsamer mit unseren nahen Aufforstungsflächen umgingen und diese nicht bald für ihren Brennholzbedarf wieder verfeuerten? Der Mann gibt sich aufgeschlossen. Nein, das wolle er auf keinen Fall. Aber in der Tat, der Brennholzbedarf sei sehr groß. Im Moment habe er dafür etwas Geld und kaufe Brennholz im benachbarten Luhwinja. Wir stellen fest, dass vielleicht aus dem dichten Pinuswald der eine oder andere Baum durchaus geschlagen werden könne, wir erwarteten aber, dass dann wieder neu gepflanzt würde – und darauf ging der Mann sofort ein. Jawohl, er wolle dafür sorgen, dass seine Soldaten sich regelmäßig am Pflanzen neuer Bäume beteiligten. Sie hätten sowieso die Pflicht, sich an sozialen Aktivitäten zu beteiligen. Schon wurde vereinbart, dass der Baumschulgärtner unserer Partnerorganisation die Soldaten für das Bäume pflanzen anleiten solle. Die Bäumchen wollten sie sogar in der Baumschule kaufen. Ja, und dann fragten wir noch, ob denn die Soldaten den holzsparenden Lorena-Ofen kennten? Einen holzsparenden Ofen? Nein, nie gehört. Ja, das wäre doch was. Jetzt war der Mann nochmal aus dem Häuschen und total begeistert und schüttelte mir nochmal kräftig die Hand. Die Frauen, die bei Antonios den Bau dieser Öfen gelernt hätten, sollten so schnell wie möglich einigen seiner Soldaten beibringen, wie man solche Öfen anfertige. Sie wollten mit Sojabohnen bezahlen... 

Wir saßen im „Wohnzimmer“ der Priestergemeinschaft von Burhinyi und auch die drei Priester hörten sich im Hintergrund unsere Verhandlungen an. Die Essenszeit war da und ich fragte flüsternd Pater Jean-Claude: Wie werden wir jetzt nur diese Soldaten wieder los? Aber Shekur hatte ganz anderes im Sinn. Jetzt müssten wir eigentlich erst mal zusammen Primus-Bier trinken, nach so vielen positiven Vereinbarungen. Also holte Pater François einige Flaschen und wir prosteten uns zu und besiegelten so unsere Absprachen. 

Ob der Major seine Versprechungen einhält? Das fragten wir uns, als die Soldaten fort waren, beim Essen. Der Kommandeur hatte gesagt, die Soldaten seien wie seine Kinder und müssten auf seine Befehle gehorchen und wenn sie sich vergriffen, würde er sie hart bestrafen. Aber er selbst habe auch Vorgesetzte und könne jederzeit versetzt werden... Doch vorerst hat er Interesse an der Ziegelpresse und der Ausbildung in der Bedienung. Vielleicht gelingt darüber auch, seine Mannschaft von einigen Minimalstandards des  Umweltschutzes zu überzeugen, damit sie nicht mehr – wie in den letzten 4 Wochen seit ihrer Ankunft in Burhinyi – jeden nächstbesten Baum abschlagen, um ihre Hütten zu bauen und für das Kochen zu verfeuern.

Henriette kam übrigens hochzufrieden von ihrer letzten Evaluation zurück. Die Fläche sei wesentlich größer als angegeben – und die meisten dort  gepflanzten Bäume seien gut angegangen, obwohl der Boden schlecht und steinig sei. Aber offenbar habe man die richtigen Bäumchen ausgewählt, darunter auch einige einheimische. 

Ein wunderlicher Tag geht zu Ende und wir fallen todmüde ins Bett.

Sonntag, 12. Februar 2012                                                                                                                                                                  

Wir frühstücken mit den beiden Franziskanerpriestern Francois und Jean-Claude. Francois muss anschließend gut 3 Stunden zu Fuß laufen, um in der Kapelle einer Außenstation die Heilige Messe zu feiern. Jean-Claude hat‘s heute besser. Er leitet die Messe hier im Pfarrzentrum. Ab 10 Uhr beginnt sich die Gemeinde zu versammeln. Der Chor singt zur Einstimmung einige Lieder, zu denen im Takt geklatscht wird. Immer mehr Leute kommen aus allen Richtungen herbei und rasch ist die große Kirche bis auf den letzten Platz besetzt. Während die Messe ihren Gang nimmt, beginnt draußen der große Regen. Die Wassermassen klatschen auf das Wellblechdach, sodass Priester und Chor kaum noch zu hören sind. Welch ein Glück, dass wir jetzt nicht irgendwo draußen unterwegs sind, flüstert mir Henriette zu. Während des Gesangs tanzen die Schulkinder um den Altar. Nach der Messe hat der Regen nachgelassen und die Gläubigen müssen nicht total durchnässt nach Hause gehen – aber auch wenn, tragisch ist das nicht. Hier ist's so warm, dass nach wenigen Stunden alles wieder getrocknet ist und man friert auch nicht so leicht. 

Am Nachmittag sind wir beim Mwami, dem König, eingeladen. Die Fahrt dahin gestaltet sich für Chris gar nicht so einfach. Durch den starken Regen ist die Straße an vielen Stellen, hm, kann ich sagen: spiegelglatt? Wir sind in den Tropen, nicht im deutschen Winter. Aber die Erde ist butterweich und Chris hat Mühe die Kontrolle zu behalten. Dort, wo die Straße abschüssig ist, rutscht der Wagen einfach drauflos. Später sehen wir riesige Matschklumpen unter den Kotflügeln. Der Mwami steht schon im Hof und begrüßt uns. Wir werden in seinen Audienzsaal geleitet, wo wir nochmal auf ihn warten müssen. Um das Warten abzukürzen wird unser Tisch mit Alkoholischem vollgestellt: Sekt, Wein, Likör, Whisky. Sollen wir uns betrinken? Gut, wir genehmigen uns einen Aperitif, einen Likör. Der Mwami hat offenbar einige Mühe seine Würdenträger zusammenzutrommeln. Wir sind in Afrika. Einige warten schon seit 9 Uhr morgens, andere lassen auf sich warten. Derweil bekommen wir von Moguli, der Königin, kurz nach dem Mittagessen nochmal ein köstliches Essen serviert. Um 4 Uhr schließlich beginnt die Volksversammlung in einem dafür extra errichteten Gebäude. Wir sind etwas irritiert, dass seine Majestät der König gar nicht so richtig folgt und mehrmals rausgeht zum Telefonieren. Später erfahren wir, dass auf dem Flughafen von Bukavu eine Maschine mit mehreren hohen Persoenlichkeiten abgestürzt ist, mit mehreren Toten. Unter den Verletzten sei der Provinzgouverneur, mit dem wir am Mittwoch noch getanzt hatten. Das ist für einen politisch im nationalen Parlament aktiven Mwami sicherlich eine Nachricht, die er mit seinesgleichen beraten muss und ihn Volk und Gäste vernachlässigen lässt. 

Aber wir schaffen die Versammlung auch ohne Mwami. Shekur stellt uns vor, ich erläutere die Tagesordnung, nämlich Probleme der Aufforstung bzw. des Forstmanagements und die Gründung der Genossenschaft. Henriette erklärt noch einmal ausführlich, wie schon in Burhinyi, wie ein Wald richtig bewirtschaftet werden muss, damit er als solcher erhalten bleibt. Ich bemühe mich, den Leuten irgendwie das Wesen einer Genossenschaft klarzumachen, die jetzt mit der Ziegelei und dann auch als landwirtschaftliche Genossenschaft gegründet werden soll. Bei den Fragen wird auf die schlechten Straßenverhältnisse in Burhinyi Bezug genommen. Ob wir denn dafür auch was tun wollten? Ich stelle klar, dass dies in die Zuständigkeit des Mwamis fällt, der dafür schon viel getan habe und der jetzt wieder da sitzt und sich das anhört. Und ich erinnere mich, letztes Jahr in Äthiopien im unwegsamen Gelände ganz viele Esel als Transporttiere gesehen zu haben. Ob das denn nicht auch in Burhinyi was wäre? Wieso habe man noch keine Esel? Dann kam raus, ja im Nordkivu gebe es Esel. Ja, so eine Frage, könnte ich ihnen denn in einem Projekt Esel bringen. Ach, antworte ich, ich selbst sei zwar ein Esel, aber mehr könne ich da nicht tun. Alle lachen. Pater Jean-Claude erläutert, ich hätte ja nur berichtet, was anderswo möglich sei. Dadurch entstehe für mich nicht automatisch die Aufgabe, für Esel in Burhinyi zu sorgen. Zwischendurch hat dann der Mwami mal etwas Ruhe und hält eine vorbereitete Rede, in der er die Leute noch zum Neuen Jahr begrüßt und uns dann auch nochmal seine Genugtuung über die Ziegelei und die Aufforstung mitteilt.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit endet die Volksversammlung. Wir sind nochmal kurz bei Moguli eingeladen, um den Garten zu besichtigen (und den kleinen Kronprinzen Samuel und seine beiden Zwillingsbrüder). Dann fahren wir zurück zum Pfarrzentrum. Draußen ist schon alles stockdunkel. Elektrisches Licht existiert in Burhinyi höchstens hier und da erzeugt durch einen Generator. Dieser brummt schon im Pfarrzentrum. Als wir dort ankommen, ist im Schein der Lampen eine Gruppe schwerbewaffneter Soldaten zu erkennen. Was machen die denn hier, fragen wir uns sofort. Später stellt sich heraus, sie sind mit ihrem Kommandanten dort und haben wohl ein Bier getrunken. Die Maschinengewehre wohl auch? Wir sind froh, als sie alle wieder auf den Auflieger des Jeeps springen und losbrausen. Aber Pater Bavon ist zufrieden. Er versteht sich inzwischen mit dem Kommandanten offenbar ganz gut und vertraut darauf, dass dieser seine Leute im Griff hat und meint, wir brauchten uns kein Sorge zu machen, sie werde nicht verfeuert und die Soldaten wollten tatsächlich bei der Aufforstung helfen. Als wir diese Geschichte von gestern Abend heute Nachmittag auf der Volksversammlung erzählten, haben die Leute nur darüber gelacht. 

Nun ja, warten wir mal ab, sage ich zu Pater Bavon.   

 

Henriette: Zu Besuch bei den Gorillas vom Kahuzie-Biega-Nationalpark im Kongo

Wir sollten um 7 Uhr morgens abgeholt werden. Klar, dass wir die frühe Uhrzeit für die Gorillas gerne in Kauf nahmen! Hätten wir vorher gewusst, dass wir bis 8.45 Uhr auf die Abfahrt warten, hätten wir aber gerne länger geschlafen.

Glücklicherweise empfangen die Gorillas nicht nur in den frühen Morgenstunden Besuch. Nach einer Stunde Fahrt lernten wir in der Basisstation des Parks unseren Guide kennen, der uns zu unserem Mut gratulierte, den Park zu besuchen. Meine positive Spannung die Gorillas zu sehen mischte sich mit einem leicht mulmigen Gefühl, das sich angesichts unserer mit Maschinengewehren bewaffneten Begleitung noch verstärkte.

Nach einer kurzen Fahrt zu unserem Startpunkt erhielten wir einen Kurzvortrag über die Gewohnheiten der Gorillas und über die Verhaltensregeln, nach denen wir uns richten mussten. Dabei ging es weniger um unsere Sicherheit, als um die der Gorillas, die durch unser Eindringen in ihr Leben gefährdet werden kann. Dann ging es endlich zu Fuß weiter. Bereits nach einigen Metern im Wald wichen die Bedenken über die eigene Sicherheit und die der Gorillas der Faszination, die von der Umgebung ausgeht. Der Weg führte bergauf und bergab, durch höhlenartiges Dickicht, lichte Stellen im Wald und durch Sümpfe. Da gab es Baumriesen mit Brettwurzeln zu bestaunen, flechtenbedecktes Geäst und mehrere Quadratmeter große Spinnennetze. Trotz der Wanderstöcke, mit denen uns der Guide ausgestattet hatte, und trotz des freigeschlagenen Pfades war das Vorankommen nicht leicht.

Abgesehen von „Fotopausen“ mussten wir immer wieder anhalten, um Teile unserer Kleidung (z.B. Schnürsenkel) aus dem Griff des Dornengebüschs zu befreien. Nach ca. 2 Stunden war es dann so weit. Wir trafen auf eine weitere Gruppe Parkranger, die den Aufenthaltsort der Gorillas für uns ausgekundschaftet hatten. Sie versorgten uns mit einem Mundschutz, den wir zum Schutz der Gorillas vor unseren Viren und Bakterien anlegten.

Nach wenigen Metern erspähten wir dann den ersten Affen im Dickicht. Kurz darauf erkannten wir in der Nähe eine ganze Gruppe, die uns vorher nicht aufgefallen war. Bis auf wenige Meter konnten wir uns den Tieren unter Anleitung des Guides nähern. Um das Fotografieren im dichten Gehölz zu ermöglichen, schlugen die Ranger die Sicht zu der Gruppe mit Macheten frei. Immer wieder beruhigte unser Guide die Tiere durch Klatschen und einem tiefen, kehligen Brummen. Von der Familie, die über 40 Mitglieder hat, saß eine Gruppe von 7-10 Individuen vor uns, die unsere Anwesenheit nur mäßig interessant fanden. Nur ein junger Gorilla kam neugierig etwas nähe. Die andere aßen oder dösten nach der anfänglichen Unruhe weiter. Der Chef der Gruppe, der den Namen „Mushamuka“ trägt, ignorierte uns völlig und ließ sich bei seinem „Mittagsschlaf“, den er etwas abseits der Gruppe verbrachte, nicht stören.

Nach ca. einer halben Stunde verzog sich die Gruppe der Weibchen ins Dickicht. Kurz darauf wurde Mushamuka aktiv. Er suchte nach Zweigen, von denen er genüßlich die Blätter verzehrte. Schon allein die Körpermasse des Silberrückens – aber auch die Ruhe, die er ausstrahlte, war faszinierend. Nach weiteren 30 Minuten war unsere Besuchszeit beendet, denn die Gorillas sollen nicht länger als eine Stunde pro Tag gestört werden.

Die Zeit war wie im Flug vergangen – aber die Eindrücke aus der Welt der Gorillas und die Bilder von den verschiedenen Persönlichkeiten bleiben uns im Gedächtnis. 

Henriette über den Besuch bei den Gorillas vom Kahuzie-Biega-Nationalpark im Kongo.

 

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