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16.Februar.2012 │ Lernen-Helfen-Leben e.V.

8. Kongobrief – stolze Ziegenbesitzer, Pellets und ein alternativer Nobelpreisträger!

Nach dem Frühstück nehmen wir Abschied von den Franziskanern in Burhinyi, für die unser Besuch offensichtlich eine unterhaltsame Abwechslung war. Alle stellen sich noch für ein Abschiedsphoto auf und schon sind wir wieder auf der Straße durch Walungu.


Montag,  13. Februar 2012

Hier geht die Fahrt zügig voran, die Straße ist verhältnismässig gut ausgebaut. Unser Ziel ist Kamisimbi, kurz vor Bukavu. Von dort hat man bei gutem Wetter einen Blick weit hinunter auf die Provinzhauptstadt und weiter hinten auf den großen Kivusee. Heute allerdings ist alles eher bewölkt und diesig. Hier sind in den letzten Jahren eine Reihe von Aufforstungsmaßnahmen durchgeführt worden. Schwerpunkt war „Agroforstwirtschaft“ – also die Bauern haben auf ihre Felder in grösseren Abständen Bäume gepflanzt, als Schattenbäume und vor allem, damit die Blätter den Boden düngen und um den dort sehr verbreiteten Eukalyptusbaum zurückzudrängen, der zu viel Wasser verbraucht. Zuerst besichtigen wir aber einen Hügel, wo einige Hektar mit heranwachsendem Wald bepflanzt wurde. Wir sehen, die Baumschulgärtner waren fleißig, aber die Natur nicht so begeistert. Immer wieder waren Pflänzchen eingegangen, man hat nachgepflanzt und dann weidete in einiger Entfernung unser Hauptproblem, eine Herde von Kühen mit ihrem Cowboy. Diese Kühe sind offensichtlich in unserer Aufforstung gewesen und haben hier und da auch die Blätter der kleinen Pflänzchen gekostet. Sie sind nicht eingegangen, aber kommen jetzt ein paar Zentimeter hoch nur als Busch heraus. Wir fragen, wieso die Viehzüchter nicht einbezogen wurden, damit die Cowboys die Aufforstung respektieren. 

Möglicherweise wurde die bessere Weide für die Bäume genommen? Weiter oben; wo alles steiler ist, wäre sie vielleicht besser gewesen. Wir haben mit der Projektleitung ein ernstes Wörtchen zu reden… 

So schauen wir uns noch mehrere Flächen an, auch Terrassenbau an den steilen Hängen wurde versucht – im benachbarten Ruanda gibt’s ganz viel Terrassen-Landwirtschaft auf den Hügeln, im Kongo leider noch nicht. 

Zwischendurch muss ich mit Chris, unserem Fahrer, eine Weile im Auto auf die anderen warten. Da kommen drei Jungs heran, vielleicht 11, 16 und 17 Jahre alt und bestaunen erstmal, wie üblich, den Muzungu. Wir kommen dann mit ihnen ins Gespräch. Sie arbeiten in einer kleinen Ziegelei in der Nähe, auch der Kleine, dessen Eltern das Schulgeld nicht aufbringen können. Was machen sie denn mit dem Verdienst? Sie strahlen. Der kleine sagt, er könne sich jetzt jeden Monat eine Ziege kaufen. Drei habe er schon. Der andere sagt stolz, er besitze schon vier Ziegen. 

Etwas später beginnt der große Regen. Wir sind mitten im Feld und unsere beiden Autos haben Mühe weiterzukommen. Im Nu verwandeln sich die Feldwege in Schlammpisten und habe die gleiche Wirkung wie Glatteis bei Euch in Deutschland. Die Autos rutschen unkontrollierbar, wenn der Fahrer nicht aufpasst… Wir sind am anderen Ende von Kamisimbi und die Hauptstraße von Uvira/Nyangesi ist nicht weit. So entscheiden wir uns, über diese Hauptstraße zurückzufahren. 

Das hätten wir aber besser nicht gemacht. Auch diese Hauptstraße ist durch den Regen inzwischen völlig aufgeweicht. Unser Jeep mit Vierradantrieb hat damit zwar keine besonders großen Probleme, dafür aber umso mehr viele andere Autos. Im Stadtteil „Essence“ von Bukavu geht dann gar nichts mehr. Wir haben 17 Uhr und stehen in einem Stau. Auch die Gegenrichtung ist blockiert. Dafür sind auf beiden Seiten der schlammigen Straße Hunderte, nein Tausende von Menschen zu Fuß auf dem Heimweg. Und das geht  jetzt so weiter mit unserem Auto, hin und wieder mal ein paar Meter, dann wieder Stillstand. Kurz nach 18 Uhr bricht die Dunkelheit an und auch der Regen setzt wieder ein. Im Gegensatz zu den vielen Fußgängern, die heimwärts streben, oft mit erheblichen Lasten auf den Köpfen balancierend sitzen wir im Trockenen. Diese Leute müssen das Gleichgewicht halten, um nicht noch im Schlamm auszurutschen. 

Unser Wagen kommt nur ganz langsam voran. Für den nächsten Kilometer brauchen wir dann nochmal zwei Stunden. ¼ nach 8 Uhr geht’s schließlich wieder zügig voran in die Innenstadt. Solch einen gewaltigen Stau habe ich selbst letztes Jahr in Nigeria nicht gesehen, wo ich schon „Megastaus“ erlebte. Die Straße durch Essence ist ein Nadelöhr. Die Chinesen wollen sie mit einer Teerdecke versehen, aber begonnen wurde damit noch nicht. 

Zurück im Quartier bin ich jetzt zwar todmüde, muss aber erstmal unter die Dusche. Dann haben mich ganz schnell die Träume erobert und ich schlafe, bis morgens die Soldaten von ihrem Hauptquartier nebenan kurz nach 6 wieder ihr Quasseln anfangen und die Glocken der nahen Kathedrale läuten.

Dienstag 14.2.2012

Heute Morgen haben wir endlich mal etwas Zeit, um mit Pater Michel zu sprechen. In Bukavu ist er bekannt als „der Mann mit den Bäumen“ (Jean Giono hat unter diesem Titel in Frankreich ein sehr schönes Büchlein geschrieben.) Pater Michel hat sich zur Aufgabe gemacht, mit seinen Studenten – er gibt Kurse an einer der hiesigen Universitäten – die Stadt wieder grüner zu machen. Stolz zeigt er uns die offizielle Genehmigung des Bürgermeisters. Dann seine kleine Baumschule im Garten und dann, was er schon im näheren Umkreis gepflanzt hat. Später sehen wir auf der Hauptstraße, der Ave. Lumumba, weitere kleine Bäume – jeweils abgesichert durch mehrere dicke Steine, damit die Autos da nicht parken können. Das werde auch respektiert. Bukavu, so sagt er, sei früher ganz grün gewesen. Heute ist davon nicht mehr so viel übrig. Vieles ist als Brennholz verfeuert worden. 

Am Nachmittag treffen wir zuerst Daniel aus dem Tschad mit einer deutschen Kollegin, die für eine größere Entwicklungsorganisation hier Nichtregierungsorganisationen koordinieren. Wir tauschen unsere Erfahrungen aus und berichten von unseren Projekten. Danach sind wir beim Vizegouverneur der Provinz eingeladen, den ich seit einigen Jahren kenne und der sich immer etwas Zeit nimmt für ein Gespräch. Letztes mal hörte er mit Staunen, dass einer unserer Projektpartner angefangen hatte die Ziegen zu melken. „Wie, hier im Kivu???“ Die Leute halten sich zwar viele Ziegen, aber nur, damit diese später im Kochtopf landen. Dabei wäre Ziegenmilch und –käse sehr nützlich. Der Vizegouverneur sagte seinerzeit, er besitze viele Ziegen und sei sehr an Ziegenkäse interessiert. Er war viele Jahre in Deutschland und kennt dies also. Inzwischen hat er sich mit unserem Projektpartner beraten und will demnächst mit der Produktion von Ziegenkäse beginnen lassen. Unser Hauptthema ist aber die Forstwirtschaft. Der Vizegouverneur berichtet kummervoll, was wir schon wussten: Weit im Westen der Provinz, wo noch recht viel Wald ist, werde dieser mehr und mehr flächendeckend mit den deutschen „Stiehl-Sägen“ abgeholzt, einiges werde als Bauholz, anderes zur Holzkohleproduktion für Bukavu verwendet. Mit einer Säge könne ein einziger Arbeiter am Tag mehr als einen Hektar kahlschlagen. Die Regierung habe wenig Möglichkeiten derzeit, um dies zu verhindern. Wir sprechen über Forstmanagement und die Notwendigkeit einer forstwirtschaftlichen Ausbildung an einer der hiesigen Universitäten und bitten den Vizegouverneur bei seinen künftigen Beratungen sowas im Auge zu behalten. 

Auf dem Rückweg diskutieren Henriette und ich, wie am besten die Aufforstungsarbeit hier fortgesetzt werden könnte und kommen zum Schluss, dass wir möglichst viel Know How der Baumschulgärtner erhalten müssen und „Forstmanagement“ müsse gelehrt werden…

Mittwoch, 15. Februar 2012

Morgens bin ich mit Antonios bei der Gruppe Wote Pamoja eingeladen, was soviel wie „Wir alle zusammen“ bedeutet. Mit dieser Gruppe arbeiten Freunde in Deutschland schon seit genau 18 Jahren, seit dem Massaker in Ruanda, 1994. Diese Gruppe hatte sich seinerzeit um Flüchtlinge aus Ruanda gekümmert und viele integriert. Heute sind sie Partner bei unserem Mikrokreditprogramm und zeigen uns stolz ihre Bilanzen. Ich kann sagen, dass ich mit den Leistungen zufrieden bin. Sie können inzwischen aus den Einnahmen vier Mitarbeiter finanzieren und haben auch einen Kreditbestand von fast 30.000 Dollar. Für den Kongo ist das sehr viel. Davon profitieren dann Hunderte von Frauen, welche „rotierende Kredite“ bekommen, vorzugsweise für den Kleinhandel. Schon im vorigen Jahr hatten wir den Eindruck, diese Frauen sind mit dem Programm sehr zufrieden und diesmal verstärkt sich dieser Eindruck noch. So nebenbei erzählen sie von der Idee mit Holz- und Papierresten „Pellets“ herzustellen, also kleine Briketts, die als Alternative zur Holzkohle verwendet werden können und genauso gut brennen. Man könne hier inzwischen für wenig Geld solche kleinen mechanischen Geräte kaufen, mit denen man Pellets herstellen könne. Wir finden das eine gute Idee und bestärken sie darin. Da diese Frauen den kleinen, mobilen Lorena-Ofen noch nicht kennen, vereinbart Antonios mit ihnen gleich, dass er demnächst nochmal vorbeikommt, um mit den Frauen ein Bauseminar durchzuführen. 

Im späteren Verlauf des Tages gibt’s weitere Projektberatungen und am Abend kommt dann noch hoher Besuch vorbei: Wir hatten bei der Konferenz letzte Woche Rene Ngongo kennengelernt, ein weltweit geachteter Schützer des kongolesischen Regenwaldes, der auch Träger des Alternativen Nobelpreises ist. Wir hatten ein Treffen vereinbart und heute Abend wars dann soweit. Wir verstehen uns auf Anhieb gut, berichten von unseren Regenwaldprojekten und laden ihn zu einer lockeren Zusammenarbeit ein, was er gerne annimmt, zumal er demnächst auch zweimal nach Deutschland kommt. Er selbst ist dabei, ein großes Projekt in Kisangani, im Norden des Landes zu organisieren. Bisher habe er für eine große, weltweit tätige Umweltschutzorganisation gearbeitet, doch diese habe ihn sozusagen vermarkten und seine Reisetätigkeit vorschreiben oder kontrollieren wollen. Deshalb habe er sich jetzt davon getrennt. Aber auch noch aus einem anderen Grund. Er sehe das Hauptproblem bei der Zerstörung des hiesigen Regenwaldes nicht im Abholzen durch internationale Firmen (im Gegensatz zu dieser Organisation), sondern im Buschfeuer und in den Aktivitäten der Einheimischen und deshalb wolle er lieber Basisprojekte zum Erhalt des Waldes fördern. Jedenfalls verabreden wir eine weitere Zusammenarbeit und sind dankbar über ein sehr anregendes Gespräch. Henriette war ganz erstaunt, dass einer ihrer Begleiter beim Besuch der Gorillas Rene Ngongo war, den sie bis dahin noch nicht kannte. Zwischen 8 und 9 Uhr verabschieden wir Rene. Die Straße ist jetzt menschenleer. Rene kam mit dem Auto und kann damit einigermaßen sicher zu seinem Quartier fahren. 

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