Workshop „Gewählte Demokratie als Modell in der Jugendarbeit”Auch in der Jugendarbeit spielt das Stellvertreterprinzip eine wichtige Rolle. Fast jeder Jugendverband wählt aus seiner Mitte – über die jährliche Voll- bzw. Mitgliederversammlung – ein Team, meist Vorstand genannt, das stellvertretend für die Kinder und Jugendlichen als Sprachrohr agiert und deren Interessen vertritt. Gewählt werden auch Positionen in weiteren externen Gremien wie Stadtjugendausschüssen oder Rundfunkräten.In vielen Städten und Gemeinden gibt es zudem seit einiger Zeit Kinder- und Jugendparlamente, auch Jugendbeiräte, Jugendforen etc. genannt. Dem „Erwachsenenmodell” entlehnt, werden hier Kinder und Jugendliche zwischen ca. 12 und 18 Jahren für einen begrenzten Zeitraum von Gleichaltrigen direkt als Vertreter-innen gewählt. Die KiJuPa wollen einen Beitrag leisten zur Verbesserung der Situation von Kindern und Jugendlichen in Schule, Beruf und Freizeit am Wohnort; sie beraten und informieren die erwachsenen Entscheider-innen in kommunalen, städtischen und anderen Gremien über die Vorstellungen ihrer Altersgenoss-inn-en.
Kinder- und Jugendparlamente sind nicht unumstritten: Hauptkritikpunkt ist die fehlende direkte Entscheidungskompetenz der Delegierten, so dass das Etikett „Spielwiese” sich aufdrängt. Weiterhin wird kritisiert, KiJuPa seien nicht jugendgerechte Kopien von Erwachsenenstrukturen, insbesondere, wenn Jugendliche in der Konzipierungsphase nicht eingebunden wurden. Außerdem werden strukturell in erster Linie ältere, männliche und gut gebildete Jugendliche angesprochen. Andererseits kann ein KiJuPa mit entsprechender professioneller Öffentlichkeitsarbeit auch Druck erzeugen, vor allem, wenn es starke Partner-innen wie Jugendringe und Jugendpflegen gibt. Jugendliches Politikinteresse wird geweckt und gefördert. Jugendliche Delegierte äußern sich durchaus zufrieden mit der Außenwirkung ihres Gremiums und fühlen sich vom Stadtrat ernst genommen.Ist das Kopieren von Erwachsenenmodellen in der Jugendarbeit nicht ein Widerspruch in sich und verstellt nur den Blick auf neue, freiere Formen der Mitbestimmung? Ist z.B. die Wahl von Vorständen, Delegierten etc. in der Jugendarbeit noch zeitgemäß? Bieten nicht die neuen Medien wie Online-Votings oder Blogs hier demokratischere Modelle der Partizipation an der Basis?
Auch unter Jugendlichen gibt es, so belegen Umfragen, eine hohe Unzufriedenheit mit Politik, und auch die Wahlbeteiligung von Erst- und Jungwähler-inne-n lässt zu wünschen übrig. Wie lässt sich Desinteresse und Frust entgegenwirken?Diskussionsbeiträge aus dem Workshop:
- Die in der Jugendarbeit gängigen Vertretungs-Modelle im Sinne der repräsentativen Demokratie sind zwar dem Erwachsenenmodell entlehnt, haben aber dennoch ihre Berechtigung.
- Stellvertreter-Modelle wie der Vorstand eines Jugendverbandes sind i.d.R. weiterhin attraktiv, da man als Vorstandsmitglied mehr Einfluss geltend machen kann und auch näher an den Informationen dran ist; andererseits sind viele Mitglieder dankbar, dass ein Vorstand diese Arbeit übernimmt.
- Wenn ein Vorstand schlecht oder an den Interessen der Basis vorbeiarbeitet, erscheint es nicht zwangsläufig nötig, diesen unbedingt zu erhalten; auch andere Modelle der Vertretung können bedacht und ausprobiert werden.
- Grundsätzlich sollte der pure Selbsterhalt nicht im Vordergrund der (Jugend-)Arbeit stehen.
Einige Themen könnten auch z.B. per Online-Voting von der Basis entschieden werden, allerdings setzen viele Themen auch ein rasches, pragmatisches Handeln voraus (z.B. Bulli-Kauf) oder aber eine gute Informiertheit, die nicht unbedingt gewährleistet ist.
- Um das Interesse junger Menschen an Politik und Wahlen zu steigern, müssten neue Modelle überlegt werden, z.B. alle Wähler-innen wählen jeweils in ihrer Altersgruppe, so dass 18-jährige auch 18-jährige wählen könnten.
- Es erscheint nicht hinnehmbar, dass die junge Generation als künftig stärkste Gruppe der Gesellschaft viel weniger Mitspracherechte hat als die älteren Generationen.
- Kinder- und Jugendparlamente als Form des repräsentativen Modells erscheinen wenig geeignet, die Interessen von Jugendlichen adäquat zu vertreten; Gründe liegen u.a. darin, dass die Initiator-inn-en meist aus der Lokalpolitik stammen und eigene Interessen wie Nachwuchsrekrutierung verfolgen; außerdem wird nur eine Minderheit der Kinder und Jugendlichen angesprochen, zumeist die gut gebildeten.
- Es gilt, neue Wege zu finden, um die Ansätze - repräsentative versus offene bzw. projektorientierte Jugendarbeit - effektiver miteinander zu verbinden (s. These Reinhard Fatke/ Helmut Schneider u.a.: Jugendbeteiligung – Chance für die Bürgergesellschaft, APuZ 12/ 2006).