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09.November.2009 │ AEJN e.V.

Da wo die Mitte schrumpft, wachsen die Extreme

Die Landesjugendkammer der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers hat sich in ihrer Novembersitzung schwerpunktmäßig mit dem Thema Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus beschäftigt.


Unter dem Titel "Rechtsextremismus als Herausforderung für die kirchliche Jugendarbeit" referierte Pastor Klaus Burckhardt, Fachreferent für Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste der Ev. luth. Landeskirche Hannovers, und gab einen aktuellen Überblick zu den Veränderungen des Rechtsextremismus und dabei insbesondere darüber wie sich die »Szene« verändert hat und worin die Attraktivität für einige Jugendliche liegt. In einer Definition zu Rechtsextremismus führte er aus, "das er ein Einstellungsmuster sei, dessen verbindenes Kennzeichen Ungleichheitsvorstellungen darstellt." Es ginge dabei um "Köpfe", "Straße", "Parlamente" und "kulturelle Hegomonie", die von rechtsextremen Gedankengut besetzt würden. Dabei zeigten sich Rechtsextreme zunehmend "harmlos" und "bürgernah" und böten "Zeltlager" und "Kinderfeste" genauso wie andere Träger der Jugendarbeit an. Aufgrund aktueller niedersächsischer Zahlen gab er einen Überblick über die Gewaltbereitschaft insgesamt und stellte heraus, dass im Bundesvergleich niedersächsische Jugendliche an der Spitze gewaltbereiter Jugendlichen liegen.

Er markierte als Veränderungspunkt, dass sich das Einstiegsalter bei Jugendlichen von 16 auf 12 – 13 Jahren vorverlegt hat. Hinzu kommt, dass im Feld des Rechtsextremismus eine »Professionalisierung in allen Bereichen«, eine »Öffnung zu anderen Subkulturen der Jugendszene« und »eine Orientierung zur so genannten Mitte des Volkes« stattgefunden hat. Jugendliche werden beispielsweise da angesprochen und »abgeholt« wo sie sich aufhalten: an der Bushaltestelle, nach der Schule, im Freizeitbereich. Somit werden klassische Formen der Jugendsozialarbeit für eine Kontaktaufnahme genutzt und »leere Freizeiträume mit Angeboten gefüllt«. Klaus Burckhardt unterstrich, dass ein Teil des Erfolges der Rechtsextremen daran liegt, dass sie "Felder besetzen, die wir leer lassen." Er stellte entsprechende »Schulmagazine« vor, mit denen Jugendliche angesprochen werden sollen und gab einen Überblick über weitere Print-Medien, die speziell für Jugendliche produziert und mit Auflagenhöhen von bis zu 15.000 pro Heft vertrieben werden.

Einen weiteren Schwerpunkt legte er auf die Möglichkeiten, die das Internet zur Informationsverbreitung und Kontaktpflege bietet, ehe er auf »Kleidung und Marken« einging, die »Zahlen und Codes«  erläuterte, die zur internen Kommunikation genutzt werden, um dann die Musikszene zu beleuchten. »Musik als Zugang zur Jugend«, und dabei in den unterschiedlichsten Stilrichtungen, haben eine nicht zu unterschätzende Größenordnung erreicht. Seit 1991 sind mehr als 1.5 Millionen Nazi- CDs entstanden, jedes Jahr kommen 100 neue Produktionen dazu. In Hörproben war die offen ausgesprochene Gewaltbereitschaft und Menschenverachtung nicht zu überhören.

Unter der Überschrift: Was können wir tun? wurden folgende Stichpunkte genannt:

  • Anlaufstellen - Ansprechpartner für Betroffene und Opfer rechter Gewalt einrichten
  • Mutmachende Katalysatoren gegen Resignation sein
  • Initiativen von Bündnissen gegen Rechtsextremismus einrichten
  • Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft thematisieren und entlarven
  • In der Jahresplanung der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen das Thema platzieren (Gottesdienste, Friedensgebete, Gedenktage, Aktionen)
  • Theologische Aufarbeitung und Konfrontation voranbringen
  • Prophetisches Wächteramt wahrnehmen


In der Praxisreflexion "Wo bin ich Rechtsextremismus begegnet? Wo habe ich mich Aktionen gegen Rechtsextremismus beteiligt? Wo habe ich Überstützung bekommen? und einem Austausch über Arbeitshilfen und Materialien" wurden insbesondere Erfahrungen der Evangelischen Jugend in Tostedt und Nienburg diskutiert und Umgangsformen und Handlungsstrategien erläutert. In der Diskussion der Mitglieder der Landesjugendkammer wurden die direkten und indirekten Informationen des Vortrages dankbar aufgenommen, dabei insbesondere die Hinweise zu den Veränderungen, den Formen der Akquise von Jugendlichen, die Intensität des Zugehens und den Methoden sowie Zugängen, die genutzt werden. In einer daran anschließenden Kleingruppenarbeit wurden Inhalte für ein Positionspapier besprochen, das am Abend entwickelt und kommenden Tag beschlossen wurde.

Stellungnahme: Verantwortlich sein - Courage zeigen (PDF, externer Link)

Weitere Informationen: Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt aus Braunschweig www.arug.de

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